Eigentlich ist es ein Skandal: dass in einem der weltweit reichsten Länder Armut noch immer an der Tagesordnung ist. Armut, die die Betroffenen krank macht, ihre Lebenserwartung herabsetzt. Von der Lebensqualität ganz zu schweigen, wenn man in Sorge um die eigene und die Existenz der Kinder schlaflose Nächte verbringt.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas-Fachdienste und des Sozialdiensts katholischer Frauen werden immer wieder mit den krankheitsverursachenden Folgen von Armut konfrontiert. Etliche der Klienten nehmen die Hilfen mehrerer Dienste in Anspruch – was sich bei den regelmäßigen Teambesprechungen der Dienste im St.-Elisabeth-Haus herausstellt. Um schlagkräftiger agieren zu können, wollen die Mitarbeiter noch enger kooperieren, kündigt Erhard Bürse-Hanning (Caritas) an.
Das passt auch zum Jahresschwerpunkt des Deutschen Caritas-Verbands, der sich dem Thema „Armut macht krank“ widmet. Ein Thema, das auf den Nägeln brennt. Das erfahren die Mitarbeiter im Elisabeth-Haus immer wieder. Betroffen sind vor allem Alleinerziehende, kinderreiche und junge Familien mit geringem Einkommen, Menschen mit geringem Einkommen, Arbeitslose und Asylbewerber. Vor allem Beschäftigte im Niedriglohnsektor stehen unter immensem Druck. „Es gibt den Fall einer jungen Frau, die morgens früh vor der Arbeit ihr Kind in den Kindergarten bringt. Anschließend ist es bis zum Abend bei einer Tagesmutter. Erst um 19 Uhr kann sich die Mutter selbst ums Kind kümmern“, erzählen Elisabeth Grote (SkF) und Marlies Imping (Caritas). Trotz dieser Schufterei reicht das Einkommen bei ihr und vielen anderen nicht aus; sie sind zusätzlich auf Sozialleistungen angewiesen. „Das bedeutet zusätzlich viel Lauferei und Papierkrieg.“
Dabei sind die Niedriglöhner oft noch schlechter dran als arbeitslose Hartz-IV-Empfänger. Die bekommen nämlich einmalige Leistungen, auf die die zu Niedriglohn Arbeitenden keinen Anspruch haben. Derartig belastende Lebens- und Arbeitsbedingungen beinträchtigen auf Dauer die Gesundheit. Im Zusammenhang damit stehen psychische und psychosomatische Erkrankungen, die sich auf die ganze Familie auswirken. Einschließlich der Kinder.
Zu all diesen Problemen kommt, dass der Zugang zum Gesundheitswesen nicht für alle gleich ist. Verschreibungspflichtige Medikamente kosten Geld, Fahrten zu auswärtigen Fachärzten ebenfalls. Es gibt auch Menschen, die nicht krankenversichert sind. „Wir wollen die Öffentlichkeit auf diese Probleme aufmerksam machen. Ziel ist es, die Lebensbedingungen der Betroffenen zu verbessern, Hilfsangebote vor Ort zu schaffen. Dazu soll auch die Zusammenarbeit im Elisabeth-Haus verbessert werden, indem die verschiedenen Dienste fallbezogen kooperieren. Sie sollen die Betroffenen darüber informieren, was ihnen zusteht, ihnen beim Ausfüllen der Anträge helfen und sie bei Behördengängen begleiten. Das schaffen die Mitarbeiter jedoch nicht allein. Ehrenamtliches Engagement ist erforderlich.
Auch die Politik wollen die Caritas- und SkF-Mitarbeiter mit den Problemen konfrontieren. Auf allen Ebenen bis hin zu den Bundestagsabgeordneten. Dass das Erfolg haben kann, zeigte sich im Falle einer Asylbewerberin, die in einer unzumutbaren Behausung untergebracht war und nach Intervention von Marlies Imping eine bessere Unterkunft erhielt. „Die Frau ist jetzt happy“, sagt sie. Aber Imping weiß auch, dass es vielen Betroffenen aus Scham oder zunehmender Isolation schwer fällt, berechtigte Ansprüche zu erkennen, geschweige denn durchzusetzen. Doch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Caritas und SkF sind fest entschlossen, einen Bewusstseinsprozess bei der Bevölkerung in Gang zu setzen und konkrete Hilfen zu leisten. Gegen die krank machende Armut. (Quelle: Westfälische Nachrichten, Martin Borck)